Bestandsaufnahme

 

Nachdem wir uns bereits zahlreiche „Wanderbaustellen“ angesehen hatten, kam zuletzt ein deutlich kleineres Boot ins Rennen. Angeboten durch einen Makler. Voller Hoffnung fuhren wir zu unserem potentiellen Traum und stellten fest, dass dieses Angebot doch tatsächlich das schlimmste von allen war. Ein echter Seelenverkäufer, an dem nichts funktionierte und die Beulenpest bereits im Endstadium angelangt war. Nun hatten wir besagten Makler an der Hand und stellten verzweifelt die Frage, ob es überhaupt etwas Brauchbares im Rahmen unserer Preisvorstellungen gäbe („Schwierig.“) und wie es aussehen würde, wenn wir noch etwas obendrauf legen würden. Wir wussten nun was wir wollten und durch unsere zahlreichen Besichtigungen wussten wir auch was wir nicht wollten:

– keinen morschen Rumpf in den man mit Leichtigkeit Löcher hineinpieksen kann
– keine oder höchstens wenig Osmoseschäden
– keinen Motor für den es absolut keine Ersatzteile mehr gibt
– keinen Schimmel im Boot

Unsere zweite Frage wurde mit einem Ja beantwortet:

„Ich zeige Euch da mal etwas. Eigentlich nicht im genannten Preisrahmen, schon etwas teurer aber auch brauchbarer…“

Auch eine Empfehlung wurde ausgesprochen die mehr als korrekt ist: 
„Kauft Euch nicht ein zu kleines Boot und stellt nach einem Jahr fest, dass es eigentlich größer sein müsste. Der Bootsmarkt ist am Boden und es ist schwer gebrauchte Boote überhaupt verkauft zu bekommen…“

Da stand sie nun, eine Myra 25, ein Norweger in bekannt solider Qualität, eine Dieselmaschine, starre Welle, Rauwasser tauglich, traumhafter Innenausbau und mit Ausnahme der Pantry alles funktional, zumindest an der Oberfläche betrachtet. Fühlt sich richtig nach Schiff an.

Das gab es auf der Habenseite:

– Es schwimmt!
– Dieselmaschine mit (noch) verfügbaren Ersatzteilen am Markt und angeblich 84PS
– eine Achterkajüte
– 2x 60 l Diesel Edelstahltank (später sollte sich zeigen das diese Aussage nicht stimmt)
– 2x 60 l Frischwassertank
– Nasszelle
– See-WC mit Fäkalientank
– Unterwasserschiff 2013 neu
– Motor wurde 2006 komplett überholt
– neue Wellenanlage nebst Schraube 2013 neu
– sündhaft teurer Innenausbau vom Bootsbauer
– Persenning wurde 2004 vom Sattler neu angefertigt
– Solarzelle

Weitgehend alles mit Rechnungen belegt. In Summe wurde vom Vorbesitzer nachgewiesener Maßen ein deutlich fünfstelliger Euro-Betrag investiert.

Es folgte die erste richtige Besichtigung. Ich hatte mich zuvor schlaugelesen und mir eine Checkliste zum Abarbeiten angefertigt. Gesagt getan, es wurden alle Winkel des Bootes untersucht und dazu sämtliche Deckel und Luken geöffnet. Das Ergebnis ist wie folgt ausgefallen:

– Wasserschaden an der Decke im Salon, vermutlich durch undichten Handlauf
– Wasserschaden am Backbordfenster der Achterkajüte
– Elektrik wirkt verbastelt/ unaufgeräumt
– die Beleuchtung funktioniert, der Rest nicht (Scheibenwischer, Horn)
– eine der ursprünglich zwei vorgesehenen Batterien musste dem Fäkalientank weichen
– in der Bilge steht Wasser, veröltes Wasser
– der Motor ist im Bereich der Ölwanne zum Getriebe hin ölfeucht
– eine Probefahrt war nicht möglich, da die Batterie zu schwach zum Starten war

Fein, das beste Boot das wir bisher besichtigt haben…

„Was sollte es gleich kosten?“

Damit war die Besichtigung abgeschlossen und der Makler würde unsere Preisvorstellung unter Berücksichtigung der gefundenen Mängel an den Verkäufer übermitteln. Weiterhin sollte ein zweiter Termin zusammen mit einem von uns bezahlten Motorengutachter (welcher sich wohl auch für die Motorüberholung verantwortlich zeichnete) stattfinden.  

Beim zweiten Termin war die Bilge vom Eigner gereinigt worden. Somit wurde es schwerer, dem mitgebrachten Motorengutachter den Nachweis für ein Problem der Maschine zu liefern. Nun denn, die Bilge war jetzt trocken und der Gutachter ging ans Werk. Eine frische Batterie stand parat und wurde direkt eingebaut. Der Hauptstromschalter ging auf „Both“ und ich durfte endlich am Zündschlüssel drehen. Vorheizen nicht vergessen, der Motor hat keinen Glühautomaten sondern heizt die Ansaugluft mittels Flamme vor (Perkins 4.108) und dann ganz rumdrehen. Es machte „klick“ und vorerst passierte nichts. Erst nach diversen Versuchen aktivierte sich der Starter und der Motor sprang sofort an, zumindest kurzzeitig. Es sollte sich zeigen, dass der Starter nicht auskuppelte und fröhlich weiterdrehte. Dieses Verhalten kannte ich noch von meiner Autokarriere und den diversen Schrottlauben, die ich bislang mein eigen nennen durfte. Das kann eigentlich nur der Magnetschalter sein, dachte ich mir. Eine Probefahrt war so aber auch nicht möglich und der Gutachter schätzte das Problem auch anders ein:

„Hmm ja also, da muss dann wohl der Starter getauscht werden, wozu in diesem Fall der komplette Motor raus muss. Also Ausbau ca. EUR 1500, neuer Starter etwa EUR 2000 (ja im Marinebereich ist alles etwas anders), zuzüglich Arbeitslohn… Hmm.. also ein komplett neuer Motor kostet bei uns etwa EUR 10.000 inkl. Einbau… das müssen Sie schon rechnen, aber dann ist auch wirklich alles neu und Sie profitieren von einer zweijährigen Garantie…

Eigentlich hätte dies das Ende für dieses Boot, zumindest für uns, bedeuten müssen.
„Was sollte das Boot gleich kosten?“

Schatzi wurde bereits nervös, da ich immer noch den Preis verhandelte. Die berechtigte Frage lautete
„Können wir das überhaupt noch stemmen?“

Der Makler wurde neuerlich beauftragt, unsere neue Preisvorstellung, die nun etwa bei der Hälfte des Ursprünglichen lag, zu überbringen. Sollte der Eigner auch damit einverstanden sein, würde noch zwingend die Begutachtung des Unterwasserschiffs erfolgen, sprich es musste ein Krantermin her. Immerhin lag das Boot bereits zwei Jahre im Wasser, Sommer wie Winter.

So kam es, dass auch der Krantermin erfolgte und wir das Unterwasserschiff in Augenschein nehmen konnten. Vor uns lag ein optisch aalglatter Rumpf. Nicht eine Blase war zu erkennen, auch bei genauerer Betrachtung. Stimmt nicht ganz, am Bug befand sich eine bereits aufgestochene Blase von ca. 2X2cm aus welcher aber kein Essig austrat. Ansonsten gab es optisch nichts zu bemängeln.

Nun hatten wir alle Fakten. Schatzi wurde beruhigt (es war ein Risiko ja, aber auch eine Chance endlich an ein halbwegs vernünftiges Boot zu kommen). Die zu erledigenden Arbeiten waren machbar. Das Wichtigste schien zu stimmen. Der Rumpf war offenbar nicht in einem desolaten Zustand wie bei den zuvor besichtigten Wracks und wir mussten augenscheinlich nicht gleich eine Osmosesanierung anstreben. Außerdem war ein Makler mit im Rennen, alles in allem also vernünftige Eckpunkte und wir hatten das Boot genauestens unter die Lupe genommen. Natürlich wollten wir auch dieses Boot, es war genau richtig vom Schnitt und seinen Eckdaten und es konnte schwimmen! Es wurde letztmalig ein Preis von uns genannt, zu welchem wir bereit wären das Boot zu kaufen. Der Eigner willigte ein, wahrscheinlich nicht zuletzt aus der Erkenntnis heraus, was alles gemacht werden müsste und was das kosten würde. Offenbar kannte er sich bereits mit den Preisen für die Durchführung dieser Arbeiten aus.

Es war der 03. April 2015, Karfreitag, als wir auf der Marina den Kaufvertrag unterschrieben. Das Boot lag noch im Wasser und wir haben es nochmal genau unter die Lupe genommen bevor die Unterschrift auf den Vertrag gebracht wurde. Dann kam die Überraschung: Der Makler hatte es tatsächlich geschafft, das Boot in Gang zu bringen, ohne das der Starter hing und permanent weiterdrehte. Die Bilge war auch nach der vergangenen Woche noch so trocken wie bei der letzten Besichtigung. Wir konnten eine Probefahrt machen! Endlich! Jetzt waren wir restlos davon überzeugt, dass wir unser Traumboot mit überschaubarem Aufwand zumindest noch in der laufenden Saison klar bekommen. Es ist ja auch 35 Jahre alt und wir wussten, dass wir kein perfektes Boot erwarten konnten. Eigentlich dachten wir, dass wir einen Rumpf mit hübschem Interieur gekauft haben. Die Elektrik, die Wasserschäden und die noch nicht erwähnten Schrammen am Freibord würden wir hinbekommen und das Motorölproblem würden wir erstmal mit dem Unterlegen einer passenden Ölwanne abstellen.

Der Starter war noch eine ungewisse Komponente. Ich wusste aber, dass ich keine EUR 2000 für einen neuen berappen und für den Austausch auch nicht den Motor ausbauen müsste. Und vielleicht war es ja wirklich nur der Magnetschalter?

Aufgepallt an Land war unsere Bedingung und so ist es auch geschehen. Die Kosten für das letztmalige Kranen und Absetzen hat der Makler übernommen, zu welchem wir heute nebenbei bemerkt ein sehr gutes Verhältnis pflegen (oder er zu uns? ;)).

Das was folgen sollte war einfach nicht abzusehen.