Ernüchterung

Eines schönen Samstagnachmittags waren wir grade damit beschäftigt die Lackarbeiten zu beenden und dem Boot seinen neuen Namen zu geben als etwas an der Steuerbordseite des Bootes Alex‘ Aufmerksamkeit erregte: Da ganz unten am Kiel war… ein Fleck. Ca. 20 mal 30 cm groß. Sah nass aus. Hmmm… Geregnet hatte es schon lange nicht mehr, mit Wasser rumgeplanscht hatten sie in den letzten Tagen auch nicht…

„Schatzi? Was issen das?“
„Keine Ahnung… Wasser?“

Alex kroch unter das Boot und betastete die Stelle.
„Nee, das ist kein Wasser. Das riecht nach Öl…“
„Öl?“

Nun hockte auch Jens unterm Boot.
„Stimmt, das könnte Öl sein…“
„Die Bilge ist doch noch verölt und der Motor liegt etwa über der Stelle. Kann das durchsuppen???“
„Sollte es besser nicht, oder?“

Der in der Nähe herumwuselnde Makler wurde herbeizitiert:
„Was issen das?“
„Da isses nass. Hast du einen Dreieckschaber da?“

Wenig später saßen Jens und Makler unter dem Boot und bearbeiteten die verdächtige Stelle mit Dreieckschaber, Ziehklinge und schließlich Schleifmaschine. Das Ende vom Lied war freiliegendes, schwarz verfärbtes und in Auflösung begriffenes GFK, in das Jens mit wenig Mühe mittels eines Schraubendrehers ein Loch bohren konnte. Leider haben wir kein Bild vom Kiel, in dem der Schraubendreher steckte. Wie sich jeder Bootseigner denken kann, hatten wir bei diesem Anblick das Gefühl, von dem Schraubendreher gerade selbst aufgespießt worden zu sein… Unser Boot war im Begriff leckzuschlagen und hatte ab jetzt ein Loch!

 

Wie gut doch die Entscheidung war, das Boot aufgepallt an Land zu übernehmen!

Völlig schockiert brachen wir an dieser Stelle erst einmal ab und versuchten in den kommenden Tagen, zwischen Aufgeben und Weitermachen zu entscheiden und die bekannten Fakten sinnvoll zusammenzufügen, denn das war exakt, was wir nicht hatten kaufen wollen. Es war ein klares Kaufkriterium, dass wir an keiner Stelle unseres Bootes einen Schraubendreher durchstecken konnten. Um der Sache auf den Grund zu gehen, mussten wir in das Deck auf Höhe des Steuerstands eine Öffnung sägen. Denn natürlich war genau über der Schadstelle die einzige Stelle an Deck, in der keine Luke war. Jens hat das kurzerhand geändert. Ein Blick in die Bilge darunter bestätigte unsere schlimmsten Befürchtungen: Die Kielsohle war an der Stelle gesprungen und mit großen Rissen durchzogen. Ein Teil der Vergussmasse fehlte und hinterließ ein großes Loch. Interessant war, dass wir in der gesamten Bilge keine Bruchstücke der Vergussmasse gefunden haben. Es scheint so, als hätte jemand die Bruchstücke entfernt. Ohne die von Jens gesägte Öffnung im Deck ist man an diese Stelle aber nur herangekommen, wenn der Motor ausgebaut war. Hmmm…. War das Boot nicht vor ein paar Jahren in einer renommierten Marinemotorwerkstatt, die den Motor zwecks Generalüberholung ausgebaut hatte???

 

Wir werden nie erfahren, was genau wann passiert ist. Fakt ist, dass der Kiel beschädigt und locker 10mm Material abgetragen wurden. Somit war diese Stelle nur noch sehr dünn und da sie nicht repariert, sondern lediglich überpinselt worden war, konnte Wasser fröhlich daran wirken. Die genauen Details hierzu werden wir im Rahmen des Refits genau aufzeigen.

Das Unterwasserschiff wurde erst 2013 von einem Fachbetrieb neu gemacht. Da muss dieser Schaden allerdings bereits vorhanden gewesen und schlicht überpinselt worden sein.

Ob der Schaden nun durch eine Grundberührung oder einen Unfall beim Slippen/Kranen geschehen ist, ändert nichts am traurigen Ergebnis: Der gesamte Kiel weist massive Schrammen, Einkerbungen und Gelcoat-Abplatzungen auf, welche ohne die Entfernung des Antifoulings und der Schutzanstriche nicht sichtbar waren.

Dies und den Fakt, dass für die Reparatur des Schadens in diesem Bereich ohnehin der Unterwasseranstrich und das Gelcoat großflächiger abgetragen werden muss, haben wir – nach unserer Entscheidung, das Boot deswegen nicht aufzugeben – zum Anlass genommen, uns das gesamte Unterwasserschiff nochmals genauer anzuschauen. 2016 wäre das Unterwasserschiff ohnehin fällig gewesen. Wir haben dies nun einfach ein Jahr vorgezogen.

Leider brachte auch die Entfernung der Anstriche weiteren Grusel zutage: Noch mehr abgeplatzten Gelcoat und Löcher, die nicht fachgerecht behandelt, sondern einfach nur übergepinselt worden sind. Da wir wussten, dass das Boot außerdem auch noch in den letzten Jahren Sommer wie Winter im Wasser gelegen hatte, warf uns unsere nächste Entdeckung dann nur noch recht kurz aus der Bahn: Natürlich hat das Boot über den gesamten Rumpf verteilt Osmoseschäden. Viele kleine, mehrere große und eine Handvoll richtig kapitale Krater.

 

Zum wiederholten Male standen wir vor der Wahl: Aufgeben und versuchen, das Boot verlustreich zu verkaufen, oder weitermachen? Könnten wir das überhaupt stemmen? Mussten dafür Fachfirmen ran? Unser ursprüngliches Konzept hatte sich gänzlich gedreht. Es wurde wieder viel recherchiert. Wir sind mit Sicherheit nicht die Einzigen, die Schäden an ihrem Boot zu beklagen haben. Es kursieren aber diesbezüglich sehr zweifelhafte Empfehlungen im Internet, hier ein Zitat:

Lass das erstmal so, das hält noch eine Weile und wenn der Kahn dann durch ist verkaufst Du ihn bei eBay…“

Ich unterstelle hier mal, dass damit natürlich auch das Verschweigen der Schäden gemeint ist, was nicht nur verwerflich, sondern schlicht Betrug ist!

Wir haben schnell gelernt, dass alles, was man nicht selber machen kann, schnell exorbitante Kosten verursacht. Das liegt insbesondere an der Tatsache, dass einfach alle Arbeiten, die an einem Boot so anfallen, zeitaufwändig sind und die Arbeitszeit bezahlt werden muss. Außerdem werden Spezialmaterialien und -werkzeuge benötigt, für die der naheliegende Bezugsweg oft auch der teuerste ist. Es ist etwas dran an der Faustformel, dass man beim Kauf eines alten Bootes den eigentlichen Kaufpreis nochmal obendrauf als Sicherheit einkalkulieren sollte.

„Es gibt historische Schiffe und es gibt alte Boote…“

Nach längerer Überlegung haben wir uns letztendlich entschieden: Wir machen weiter, jetzt erst recht! Gewisse handwerkliche Fähigkeiten und Erfahrungen in der Herstellung von GFK und CFK sowie eine gute Grundausstattung an Werkzeug sind vorhanden.Und wir beseitigen nicht nur die Osmoseschäden und den Kielschaden. Wir entfernen selbst die vielen Sünden und den großen Pfusch der früheren Eigentümer bzw. der von ihnen beauftragten „Fachunternehmen“ in der Gesamtheit und bauen dieses Boot selbst von der Pieke wieder auf – ein Refit, für das wir schon nach kurzer Zeit ein Mantra fanden:

„Schleifen wir auf, spachteln wir zu, laminieren wir über!“

Ernüchternd ist das Ganze von daher, da wir uns ursprünglich eingebildet haben, alles richtig gemacht zu haben. Der Vorbesitzer hat ein Riesenwerk an Belegen und Rechnungen präsentiert, vieles wurde neu gemacht und allein der Innenausbau war in seinen Herstellungskosten doppelt so teuer wie der Zeitwert des gesamten Bootes.

Heute wissen wir, dass man sich die Historie eines alten Bootes und auch die der Vorbesitzer genau anschauen sollte und das selbst das keine Garantie ist. Wir haben einen aufwändigen, teilweise leider auch nicht restlos durchdachten Innenausbau mit hübschen Polstern gekauft, aber kein funktionierendes Boot. Sicherlich wird dies der Eine oder Andere als überspitzt empfinden und gewisse Dinge lockerer sehen, aber unter dem Strich zeigt dies auch, dass viele Bootseigner überhaupt nicht wissen, was eigentlich mit ihrem Boot los ist. Die möglichen Folgen sollte man spätestens dann im Blick haben, wenn man beabsichtigt, mit seinem Boot nicht nur zum Baden auf den See hinauszufahren, sondern auch die erreichbaren Meere als potentielles Revier ansieht.

Genau genommen hängt man aber egal auf welchem Gewässer immer auch sein Leben ans Boot und genau so sollte es auch gebaut sein. Das Ziel ist nicht, am Ende ein absolut neuwertiges Boot zu erhalten, sondern ein sicheres und funktionstüchtiges Boot, das einfach Spaß macht und wenig Kummer bereitet.

Also packen wir es an, bauen wir uns ein Boot!