Antifouling entfernen in Eigenregie

Nahezu jeder Bootseigner steht irgendwann einmal vor der Aufgabe, sein Unterwasserschiff von den alten Anstrichen zu befreien. Dies kann zum Neuaufbau der Schutzanstriche oder zur Schadensbesichtigung/-beseitigung nötig werden. Wir hatten uns ja nach der Entdeckung unseres Lochs (Ernüchterung) entschieden, die Anstriche abzutragen und uns das UW-Schiff mal genauer anzuschauen. Ganz abgesehen davon, war uns dieser schweinchenrosa, verpockte Anstrich ohnehin ein Dorn im Auge.

Da wir das aus Kostengründen nicht machen lassen wollten, mussten wir selber ran. Aber wie?

Die durch eigene Beobachtung erkannte Strategie einiger Bootseigner, einfach solange zu warten, bis der Anstrich von alleine abfällt, schien uns nicht so recht erfolgsversprechend und zudem zu zeitaufwändig. Innerhalb eines Vierteljahres waren bei den meisten beobachteten Exponaten nur vereinzelt weitere, wenige cm2 großer Flatschen abgeblättert. 😉

Also blieben die ernsthaften Strategien:

  • Schleifen
  • Hobeln
  • manuelle Ziehklinge/“Schaber“
  • Beizen

Jedes Verfahren hat seine Fürsprecher und Gegner. Eine „herrschende Meinung“ ist weder im Internet noch bei den üblichen verdächtigen Experten zu erkennen. Also galt es auch hier wieder, mit gesundem Menschenverstand den besten Weg für uns zu finden.

Schleifen hatte ich von vorneherein ausgeschlossen und konnte nach der Aufzeigen von Alternativen davon zum Glück auch Jens überzeugen. Zu deutlich hatte ich noch unseren Makler vor Augen, der unseren Fleck (Ernüchterung) ohne Atemmaske und Schutzbrille freigeschliffen hatte. Der Arme war hinterher knallrot, verquollen und verschnieft und ward den Rest des Tages nicht mehr gesehen. Dazu die allgemeinen Warnungen zur potentiell krebserregenden und erbgutverändernden Wirkung des Staubs. Antifouling ist insofern mit Asbest vergleichbar! Und auf die Idee, Asbest abzuschleifen und das am besten auch noch ohne Schutz, kommt ja nun auch keiner. Nein danke, ich schleife die rote Pest nicht und mein Schatzi macht das auch nicht!

Nass schleifen wäre ggf. noch eine Alternative, setzt aber eine pneumatische Schleifmaschine nebst Kompressor voraus. Hat ja jeder rumliegen, gelle? Wohl ebenso häufig wie einen elektrischen Hobel, der noch dazu am Gelcoat ein ziemliches Gehäcksel anrichten kann. Was aber auch manuelle Schaber können. Stauben tut das jeweils auch, wenn auch weniger. Und beizen? Stinkt, klebt, ätzt. Traumhafte Aussichten…  Am besten lässt sich meine Entscheidungsfindung so darstellen:

 Gesundheit/
Körper
Material/
finanzieller Aufwand
ZeitSonstiges
(subjektives)
machen lassen++
(zumindest was die eigene Gesundheit anbelangt…)
--
immer zeitaufwändig, daher immer teuer
0
man arbeitet zwar nicht selber, aber gerade in den „Kernzeiten“ kann es schon eine Weile dauern bis man einen Termin bekommt
--
teuer (da vierstellig, gibt es hierfür einen Extraminuspunkt); man weiß letztlich nicht, was der liebe Bootsbauer so alles findet und was er damit macht
Schleifen
(trocken)
--
GESUNDHEITSSCHÄDLICH!
+
benötigtes Werkzeug idR vorhanden; Schleifscheiben verkleben schnell  hoher Materialaufwand
-
dauert wegen des Zusetzens der Schleifscheiben ziemlich lange
--
GESUNDHEITSSCHÄDLICH! wenn, dann bitte nur mit Atemschutzmaske FFP3, Schutzbrille und leistungsstarker Absaugung (Industriesauger anstöpseln)
Schleifen
(nass)
0
staubt nicht, erste Sahne wird die Brühe aber auch nicht sein
--
pneumatische Schleifmaschine, Kompressor und Nasssauger erforderlich;
Schleifscheiben verkleben schnell  hoher Materialaufwand
-
dauert wegen des Zusetzens der Schleifscheiben ziemlich lange
-
ziemliche Sauerei; Kompressor… echt jetzt, noch mehr Lärm?
Hobeln-
staubt auch
0
Elektro-Hobel sind wohl schon recht günstig zu kriegen, besser geeignetes Spezialwerkzeug ist teuer
0
soll ganz flott gehen
-
Beschädigung des Gelcoats leicht möglich
Manuelle Ziehklinge I
(Dreikantschaber)
-
staubt auch, keine Absaug-möglichkeit; Muskelkater- und Handschwielengarantie
++
im Internet ab ca. 3 Euro erhältlich
--
extrem zeitaufwändig
0/-
Beschädigung des Gelcoats leicht möglich (gibt unterschiedliche Ausführungen; auf abgerundete Kanten achten)
Manuelle Ziehklinge II
("Ladyshave" von SVB)
+
Staub und Abfall kann durch Absaugung minimiert wer-den; Muskelkater- und Handschwielengarantie
-
für das bisschen Plaste mit Klinge 40 Euro???
--
extrem zeitaufwändig
-
Beschädigung des Gelcoats leicht möglich
Beize allgemein-
da staubt nix, Wellnessprodukte sind Beizen aber auch nicht gerade (zum Teil stark ätzend); oft nötige Mehrfachauftragung geht an die Substanz
0
von teuer bis recht günstig ist alles verfügbar
0
Einwirkzeiten müssen eingehalten werden, dadurch wird es zeitaufwändig, v. a. wenn mehrere Durchgänge notwendig sind
-
Sauerei; bei zu langer Einwirkzeit kann Gelcoat beschädigt werden
"Yachtstrip"+
halbwegs verträglich, ich habe nach längerer unbeabsichtigter Einwirkzeit von Yachtstrip noch nicht mal eine Rötung auf Fuß, Arm, Hand… gehabt; die Dämpfe sind nicht ohne (Maske tragen)
--
für unser knapp 20 m2 UW haben wir knapp 20 kg für ca. 340 Euro gebraucht
+
innerhalb von 4 Tagen war das Boot bei widrigen Bedingungen (zu warm) freigelegt
0
gutes Ergebnis; ziemliche Sauerei; Handling wegen der Optimierung der Einwirkzeit im Sommer etwas schwierig

Da wir zum damaligen Zeitpunkt noch davon ausgegangen sind, dass wir keine Osmosesanierung vor uns haben, wollten wir bei der Aktion das Gelcoat möglichst schonen, so dass Hobel und Ziehklingen entsprechend streng bewertet wurden und rausfielen. Wir haben uns dann letztlich entschieden, zunächst alles runterzubeizen, was runterzubeizen geht. Einen guten Test/Vergleich verschiedener Beizen findet Ihr hier. Nach einigen Recherchen habe ich mich trotz des Preises für „Yachtstrip“ entschieden. Antifouling (VC 17) und Primocon  gingen damit gut runter. Das darunterliegende VC Tar wurde angelöst, so dass einige der vorhandenen Schichten mit abgebeizt werden konnten. Den Rest vom VC Tar werden wir nun mechanisch vom Rumpf entfernen.

Egal wie man es letztlich macht, es ist eine Sch…arbeit, dauert lange und tut weh, insbesondere an und nach den Tagen ganz unten am Boot (man ist ja keine 20 mehr). Die Preise, die viele Unternehmen dafür aufrufen, sind in Anbetracht dessen schon gerechtfertigt.

„Du fluchst nie so schön wie beim Bearbeiten des Unterwasserschiffs.“

Zu einigen der hier angesprochenen Werkzeuge und Mittelchen (z. B. zu „Yachtstrip“ und dem „Ladyshave“ – ja, beides heißt tatsächlich so) werde ich nach und nach noch gesonderte Blog-Beiträge schreiben. Ich möchte aber an dieser Stelle schon einmal klarstellen, dass wir nicht parteiisch oder sonst irgendwie gekauft sind. Auch haben wir (leider 😉 ) keine Sponsoren. Wenn wir hier etwas als gut beschreiben, dann hat es uns überzeugt. Und umgekehrt. Ihr lest hier unsere ehrlichen Erfahrungen und Bewertungen, was natürlich auch heißt: Es ist total subjektiv und man kann (fast) alles sicherlich auch anders sehen. Wir freuen uns auch über Kommentare und Anregungen Andersdenkender. 😉